Drei Minuten für eine Zahl:

Im Zeichen der Null

 

Wir schreiben das Jahr 2002. Nicht solange ist’s her, dass wir für die aktuelle Jahreszahl keine Null benötigten (1999, 1998, 1997...) – seit dem MiIlenium begleitet uns das ovale Zeichen jedoch regelmässig durch Termine, Agenden und Verabredungen.

Speziell wird die Kardinalszahl Null durch ihre kulturelle, gesellschaftliche und mathematische Bedeutung. Die westliche Gesellschaft ist hungrig auf Messergebnisse und numerische Daten. Dieses Vorgehen gehört zum Markenzeichen der abendländischen Forschung, seit Beginn des 17. Jahrhunderts, als Galilei erklärte, dass man im Buch der Natur lesen kann -> wenn man die Sprache versteht, die dort benutzt wird. Und diese Sprache sei die Mathematik ...[1]

 

Der praktische Sinn scheint logisch: Ob der Bankauszug ein Guthaben von 10, 100 oder 100'000 Franken ausweist, bedeutet einen wesentlichen Unterschied des Geschäftserfolgs (bzw. der privaten Vermögensverhältnisse).

 

Moderne Technik

Auch die Programmiersprache der EDV liess sich in den Anfangszeiten durch zwei Ziffern illustrieren: 0 und 1. Heute noch ziert diese Zifferfolge Fachbücher über Hard- und Software, die IT- Industrie und E-Learning.

Selbst die Schlagzeilen der Boulevard-Presse beschreiben gescheiterte Experimente als «Nullnummer».

 

Relativierung

Gleichzeitig zeigt die «Zero» eine klare Tendenz, sich selbst zu entmythologisieren: Steht sie alleine, ist sie ein Zeichen des Nichts oder der Nichtigkeit. Und geschieht auch, wenn ihr die Vorzahlen abhanden kommen. «Fünf nachbarliche  Nullen kam die Torheit in den Sinn, sich von der 1 zu scheiden», beginnt eine Fabel, welche die Doppeldeutung dieser Zahl aufzeigt[2].

 

Die Null kann sich verzehnfachen und zurücksinken ins nichts. Auf Letzteres weisen viele Redensarten hin («Er ist als Politiker eine totale Null», Die Abmachung für «null und nichtig» erklären).

Bei diesem Punkt erhält das Ganze eine negativen Grösse – was es eigentlich nicht hat. «Nun ist der Nullpunkt der Moral erreicht» steht als Metapher nicht für das Böse, sondern schlicht für die Abwesenheit des Guten, die ethische Gleichgültigkeit oder Indifferenz. 

 

Human Touch

Zahlen treten neutral auf; etwas besonderes haftet ihnen dennoch an. Und wer sucht, der findet

bizarre mathematische Gesetze über die Häufigkeit von 4 oder 6

kommt durch Zufallskombinationen Steuersünderinnen auf die Schliche

entlarvt  raffinierte Spendengaunern – so geschehen beim CDU-Skandal im Herbst 2000.

Selbst Vergleiche orientieren sich an numerischen Werten. Verliebte Paare wollen «eins» werden, Märchen erzählen von der Sehnsucht nach der drei, bei Actionfilme steht das Finale oft nach sieben Ereignisse an (z.B. beim Thriller «Seven»). Symbole, Urformen des Wirklichen und Qualitätsträger: Zahlen sind menschlicher, als manche denken ...

 

Karin Ammann, lic. phil/Arbeitspsychologin

 

Literaturtipp: Robert Kaplan, «Die Geschichte der Null», Campus Verlag


[1] Vgl. DIE WELTWOCHE Nr. 35/2000, S. 65

[2]  Der Philosoph Hans Saner im SonntagsBlick vom 30. April 2000