Ich als Erzählfigur
Me, myself and I: ausnahmsweise klingt das Fremde eleganter. Gleichwohl steht auch im Englischen das «Ich» für die einzigartige individuelle Identität einer menschlichen Person. Das «Ich» spielt eine zentrale Rolle in der Literatur, in der Psychologie und Philosophie («cogito ergo sum»). In der semantischen Deutung ist das «Ich» in das Hier und Jetzt, grammatikalisch in die erste Person Einzahl eingebunden. Das Ich-Erleben bildet eine wichtige Ausdrucksform des Denkens, Fühlens und Handelns. Jemand betrachtet sich als Mittelpunkt, ja Urheber seiner Existenz. Hinzu kommen Aspekte des Selbst (Selbstwert, Selbstsicher-heit, Selbstkontrolle). Nicht zu vergessen die Selbstwirksamkeitserwar-tung, das heisst wir erfinden uns selbst. Letzteres, der Entwurf von uns, unserer – im Idealfall einer besseren – Welt bildet das Motiv unzähliger Romane, Erzählungen oder Gedichte («lyrisches Ich»). Das «Ich» funktioniert nicht für sich allein, es befindet sich in stetigem Bezug zu anderen «Ich’s» ( = «Du’s»). Es sei, man wende es in überspitz-ter Form an: als Egoismus, Autonomie, Autismus oder Ich-AG. Ich? Ich!Moment, hatte ich nicht gelernt, dass man als Journalistin alles darf, nur nicht den Text mit «Ich» beginnen? «Ich» am Anfang galt als unhöflich, in Briefen war es gar verpönt (wohlgemerkt: vor dem SMS-Zeitalter …). Heute boomen Autobiographien, Selbstenthüllungen und Ich-Berichte! Bei Reisereportagen oder Porträts passt diese Form akkurat. Als selbst-verliebte Plapperei, ja Autoreneitelkeit hat sie jedoch nichts verloren. Um mit Wolfgang Büscher zu sprechen: «Das Subjektive muss der Reise dienen, der Reportage, dem Thema, nicht umgekehrt.» Neben peinlichen Ausrutschern gibt es das bewusste Bedeckt-Halten. Kolumnisten verstecken sich hinter Passivkonstruktionen («es»/«man»). Insbesondere da, wo eine klare pointierte Meinung gefragt ist. Hierbei gibt es keinen Unterschied zwischen «altem Journalismus» und «New Journalism». Die Grenze verläuft ebenso wenig zwischen den «Holzme-dien» und den Blogs, zwischen Feuilleton und Gratisanzeiger. Vielmehr geht es um die eigene Zivilcourage, den Mut zum Ungehorsam! So oder so: «Das Ich» bezeichnet nicht zuletzt eine deutschsprachige Musikgruppe, deren elektronisch-sinfonisches Projekt unter anderem in den USA rezipiert wird. Um mit der Sängerin Katja Epstein zu sprechen: «Wunder gibt es immer wieder …».
Karin Ammann, lic. phil/Arbeitspsychologin |