Über Arbeit und Selbstwertgefühl

Ein Gespräch mit der Arbeitspsychologin und Buchautorin Karin Ammann

Was ist Arbeit, welchen Stellenwert hat sie in unserem Leben und was bedeutet sie für das Selbstwertgefühl? Fragen, die im folgenden Gespräch mit der Arbeitspsychologin Karin Ammann (Aarau) ausgelotet werden.

Hans Ulrich Locher

 

Was ist Arbeit – wie definieren Sie diesen Begriff?

Der Begriff geht für mich über das hinaus, was man gemeinhin unter «Arbeit» versteht – im Sinn einer bezahlten Tätigkeit im Auftrags- oder Angestelltenverhältnis – oder anders gesagt: die reine «Wertarbeit» oder «Erwerbstätigkeit». Arbeit ist für mich das, was ich zu tun habe. Sie umfasst auch Aufgaben, die ich mir selber stelle oder mir bei der Bewältigung des Lebens gestellt werden. Neben der Existenzsicherung hat Arbeit auch andere Funktionen. Der Theologe und Ethiker Hans Ruh vertritt beispielsweise eine Gesamtschau, welche Umweltarbeit, Beziehungsarbeit, Familienarbeit, Bildungsarbeit, Kulturarbeit, einbezieht. Ja, er entkoppelt sogar Arbeit von Lohn durch die Idee eines festen Grundeinkommens.

 

Arbeit und Stellung sind in unserer Gesellschaft wesentlich für das Selbstwertgefühl verantwortlich – woran liegt das?

Die Arbeit beansprucht bei den meisten Menschen – neben der Zeit zum Schlafen – den grössten Anteil des Tagesablaufs. Sie  ist von der Menge wie der Ausrichtung her ein bestimmender Faktor unseres Seins. Zudem ist sie sehr vielschichtig: Arbeit ermöglicht soziale Kontakte, fördert theoretische und praktische Fähigkeiten, strukturiert den Tag, stiftet Identität oder vermittelt Lebenssinn. Erfolgssituationen wie positive Erfahrungen setzen Energie und Kraft frei. Demgegenüber steht die Entwicklung, dass die interessante Arbeit in Zukunft eher knapper wird: Arbeit, welche weiterbringt und neue Potenziale eröffnet. Arbeit, bei welcher Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortung übereinstimmen. Eine wachsende Zahl von Jobs erweist sich als monoton, einseitig und sterotyp. Beispiele dafür sind Call-Centers oder Sekretariats-Pools.

 

Dann müssten beruflicher Erfolg, Karriere und persönliche Zufriedenheit sich parallel entwickeln.

Ja – das heisst ergänzend und nicht einseitig! So hat ein Nationalfonds-projekt («Qualität des Erlebens von Arbeit und Freizeit») die Vorstellung von «Zufriedenheit sei mit leichter Arbeit und viel Freizeit gekoppelt», klar widerlegt. Über das beste Lebensgefühl berichten Menschen, die einer spannenden Berufstätigkeit nachgehen (positive Aktivierung) und in ihrer Freizeit Stress durch zu viele Aktivitäten meiden (entspannender Ausgleich). Das Bild, Arbeit sei erst mal mit Mühen und Plagen verbunden, und sie führe dazu, dass man Feierabend und Ferien herbeisehne, trifft nicht zu. Arbeit prägt unsere Lebensqualität viel stärker als die Freizeit – natürlich auch im negativen Sinn, wenn Konflikte aus dem Beruf ins Private hineinspielen. Die Freizeit kann auch da nur bedingt kompensieren.

 

In Ihrem Buch «Time in, Time out» behandeln Sie verschiedene Formen von Ausstiegen aus der Arbeitswelt. Was passiert bei denjenigen, welche eine solche Auszeit nehmen?

Unabhängig von Ausgangslage, Ziel oder Art des Timeouts kristallisiert sich bei verschiedensten Personen ein typischer Verlauf heraus. Ich habe es in meinem Buch als Trilogie bezeichnet: Zuerst die Phase der Euphorie mit tausend Ideen, langen Lis-ten und tollen Vorsätzen; es folgt die Phase des Durchhängens, der Müdigkeit und Ratlosigkeit – erst in der letzten Phase gelingt es, verschüttete Träume auszugraben, in die Sterne zu gucken oder zum Kern der eigenen Wünsche oder Sehnsüchte vorzustossen, die man eventuell durch ein Time- out ergründen wollte.

 

Ganz auf Arbeit verzichten oder dauernd nicht mehr arbeiten wollen aber nur die wenigsten Menschen – warum?

Das ist sicher für die meisten zutreffend, speziell in unserer Leistungsgesellschaft: «Ich bin, was ich beruflich erreicht habe.» Kein Wunder, dass sich die wenigsten im Voraus mit ihrer Pensionierung befassen wollen. Vorbereitungskurse werden im allerletzten Moment besucht – meist zu spät, um sich auf die tiefgreifende Umstellung vorzubereiten. Es ist offenbar ein bedrohliches Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. «Das System kommt ohne mich aus», bedeutet doch, dass ich wertlos bin, zum alten Eisen gehöre. Stellen Sie sich vor, der Wecker klingelt und Sie wissen nicht, weshalb Sie aufstehen sollen?