Live im Club

 

Einmal pro Monat widmet sich der «Zischtigs-Club» den Büchern. Aus Österreich und Deutschland importiert, nicht ganz so polemisch wie das Literarische Quartett, auch nicht vor einer Theaterkulisse wie «Lesen!» des ZDF, dafür mit beachtlichen Kennzahlen: 18 Jahre Bestand, fixe Ausstrahlungszeiten (Wiederholung auf 3SAT), inhaltliche Kontinuität, eine stabile Zuschauerquote (rund neun Prozent) sowie versierte Moderator/innen: Elke Heidenreich, Roger Willemsen, Daniel Cohn-Bendit und seit September 2006 Iris Radisch. Letztere löst ihre Aufgabe famos. Überdies kennt sie die Schweizer Literatur. Sie verficht mit Leidenschaft die Unabhängigkeit des Clubs, damit dieser weiterhin Tiefgründiges (und nicht irgendein von aussen gepushtes Werk) vorstellt.

Von Beginn weg fix war das «Kleeblattarrangement», will heissen die Diskussion zu viert: Moderator/in, zwei Personen aus der festen Kritikerrunde (fünf bis sechs Expert/innen) sowie ein Gast. Dieser ist Schriftsteller, Journalistin oder jemand aus einer verwandten Sparte (Musik, Theater). Meines Wissens wurde nie das Buch eines Anwesenden besprochen. Wobei Adolf Muschg vor Jahren für eine Runde aussetzte, als seine Neuerscheinung Thema war. Ich weiss von Schriftsteller/innen, die Blut schwitzen, wenn sie hören, dass ihr Roman besprochen wird (während der Verlag die Buchhandlungen bittet, den Band doch bitte ganz vorne hinzustellen, ins Schaufenster oder wenigstens neben die Kasse).

 

Mittendrin im Geschehen

Im Hintergrund der Kritikerrunde sitzt eine kleine Zahl von Lese-/ Literaturinteressierten. Fleissig wird zur Teilnahme an den Aufzeichnungen aufgerufen: Einfach scheint es nicht, «Statisten» mit Sitzleder zu finden. Kultiviert sollen sie wirken, interessiert und zu später Stunde erstaunlich frisch.

Was erleben die Zuschauer? Man kauft sein Ticket (ohne Sitznummer), staunt über die Enge des Raums (die Eingangshalle einer Buchhandlung), die in Orange getauchte Rolltreppe, die Leuchtkraft der Lampen, ständiges Stühlerücken, wiederholte Ton- und Sprechproben. Iris Radisch begrüsst die Anwesenden, betont die Wichtigkeit der Diskussion vor Publikum, richtet das Mikrofon. Die Zeit drängt. Die Hamburgerin legt los, übt Einstieg und Abspann. Stopp, der Applaus fehlt. Probe Nummer zwei, diesmal vor laufenden Kameras.

Mittlerweile haben alle zahlenden Gäste Platz genommen. Man wählt zwischen Barhockern und Klappstühlen, Bistro- oder keinen Tischen. Getränke gibt’s nicht: Gläserklirren oder Einschenken würden eine unerwünschte Geräuschkulisse bilden. Dafür darf man auf die volle Wasserkaraffe für die Akteure schielen …

Kurz vor dem Start wird instruiert: nett drein blicken, nicht direkt in die Kamera starren, gelegentlich lächeln, zustimmend nicken etc. Nicht herumrutschen, die Köpfe zusammenstecken oder gar lautstark debattieren. Keinesfalls den Platz wechseln oder das Handy eingestellt lassen!

Ich staune ob der Nervosität einzelner Kritiker/innen; wobei das Lampenfieber sie auf Anhieb sympathisch macht. Erst nach dem Drehen realisiere ich: Anders als beim Film gibt es hier keinen Schnitt. Es müsste schon Ungeheuerliches passieren. Einmal wurde eine Zuseherin ohnmächtig, ein anderes Mal ein Kameramann. Beide taten dies nahezu lautlos, äusserst diskret … Die Redaktion ist über einen Ohrwurm dazu geschaltet, sie interveniert jedoch nur in Ausnahmefällen (zeitliche Engpässe, ungleiche Gesprächsanteile).

Der Ablauf ist festgelegt. Besprochen werden vier neu erschienene, kürzlich ins Deutsche übersetzte bzw. wieder aufgelegte Bücher. Jede/r präsentiert ein selbst gewähltesŒuvre. Die Regie blendet abwechselnd das zugehörige Cover sowie das Autorenfoto ein. Den Abschluss krönt eine kurze Runde mit individuellen Empfehlungen, Ausblick und Verabschiedung.

 

Vorher/nachher

Wenn ich tags darauf jeweils den Club ansehe, staune ich jeweils, wie stark die Impressionen des Vorabends vom TV-Format abweichen. Erschien mir die eine Diskussion live eher als langfädig, empfand ich sie in der Sendung als kurzweilig, witzig, ja unterhaltend. Dafür beurteile ich nun, vor den Fernsehapparat, Mister X als mitnichten telegen. Klar, der Informations- und Aufmerksamkeitsgrad – evtl. auch die Erwartungshaltung – eines Fernsehzuschauers entsprechen nicht dem «Vorlauf» der direkt Anwesenden. Trotzdem, die Diskrepanz der Wahrnehmung überrascht!

Unverfälscht bleibt die menschliche Komponente. Dann, wenn einer zugibt, das von Kollegin Y vorgeschlagene Buch nicht gerne gelesen zu haben. Oder Kritikerin Z einräumt, Mühe zu bekunden mit dieser Epoche, jenem Genre oder Stil. Spannend wird’s wenn die Fetzen fliegen, gewisse Einschätzungen meilenweit differieren – und man als zukünftige Leserin rätselt, ob man den Bestseller nur durchblättern oder doch erstehen soll.

Selten blitzt Mut zu Unkonventionellem auf. Letztes Mal als Harry Potter auf dem Programm stand. Leider werden nicht, wie vom Publikumsrat angeregt, Sachbücher vorgestellt, ebenso wenig wie Hörbücher, Comics oder reine Bildbände – nicht mal im Buchtipp.

 

Epilog

Vor dem Heinweg offerieren die Veranstalter einen Apéro. Schweizerisch bescheiden: Weisswein, Orangensaft, Mineral, Chips und Nüssli. Zumeist gesellen sich die Hauptdarsteller dazu, geschminkt oder leicht abgetupft (die Herren). Wie anders sie doch in Natura wirken! Peter Hamm ungewohnt scheu, Corina Caduff ganz locker, Elke Heidenreich – heuer als Gast dabei – richtig aufgekratzt. Ich vergesse nie das Augenzwinkern, mit dem sie mir ihr Buch signierte. Eigentlich eine ganz bestimmte Geschichte. Welche, behalte ich für mich …

 

Link: http://www.sf.tv/sf1/literaturclub

Die Aufzeichnungen finden jeweils am Montag vor der Ausstrahlung statt. Tickets sind im Vorverkauf oder an der Abendkasse erhältlich.