Glosse

 

Tage, in denen Sie alles vergessen...

Eigentlich ist die ganze Schweiz glücklich bei der Büez, weshalb fährt sie dann in die Ferien?

Verspätung! Genervt lasse mich auf dem Trolley nieder. Um fünf Uhr auf, die Kollegin bekniet, uns an den Flughafen zu fahren. Verschlafen vom Sandstrand geträumt, im leichten Sommerkleid furchtbar gefroren, nun die Zugluft auf dem Abflugterminal sowie die Aussicht auf endloses Warten.

Die hastig zusammengekauften Hochglanz-Zeitschriften wirken reizlos. Mein Partner geht rasch eine Zigarette rauchen (vielleicht auch zwei). Ich realisiere, dass mich jemand beobachtet.

Erwidere den Blick und schon geht’s los: «Na, auch unterwegs nach Kreta? Sie sind sicher Journalistin! Schreiben Sie eine Reportage?»

Da hat er mich erwischt. Ich fühl mich geschmeichelt, dass mir der Beruf nicht gleich ins Gesicht geschrieben steht – ich einem anderen Broterwerb zugeteilt werde...

«Nein, Arbeitspsychologin ausser Dienst» lasse ich verlauten. Oh je, das war das falsche Stichwort... «Arbeitspsychologin? Tun sie auch etwas oder lassen sie immer nur andere erzählen? Studieren Sie gescheite Bücher, sitzen in Cafés, sehen den 0815-Leuten zu? Können Sie denen ihr Seelenheil zurückgeben?»

Noch bevor ich Luft holen kann, fährt er fort: «Wissen Sie, ich bin eigentlich jeden Tag dem Glück auf der Spur. Mein Job ist derart toll. Von 7 bis 7 schwebe ich...»

Mein ungläubiges Staunen wird mit einem neuen Redeschwall quittiert. «Letzthin habe ich gelesen, dass ich keine Ausnahme bin. Die Arbeitszufriedenheit  in der Schweiz ist relativ hoch, «Happiness und Economics» nennt sich die Studie. 46% der Befragten hat angegeben, «sehr glücklich» oder «vollkommen glücklich» zu sein!!»

Mein kritischer Geist ist geweckt. Ich werfe ein, ob dies evtl. eine Momentaufnahme gewesen wäre – ein Statement im Vorbeigehen. Überhaupt, Ferien seien vom Gesetz her vorgeschrieben, von den Sozialpartner/innen unbestritten und klar zur Regeneration da. Erholung, Ausgleich, Anregung....

 «Okay», meint das Gegenüber (mittlerweile hat sich herausgestellt, dass er soeben zum Verkaufsleiter eines Grossbetriebs befördert wurde). «drei Tage schlafen, zwei Tage Kultur oder Sport, zwei Tage Pendenzen erledigen und die restliche Zeit fürs Business (EDV-Programme testen, Fachpresse lesen, Messen aufsuchen).»

 «Und wissen Sie», fährt er fort, «Es gibt Menschen, die wollen gar nicht fort. Die gehen später und kommen früher zurück. Weshalb sollte man diese zwingen?»

«Jawohl, dopple ich nach. «Die werden beim Stichwort «Urlaub» richtig durchgeschüttelt. Nur nicht davon reden... Aber aus anderen Gründen! Nicht aus Enthusiasmus, sondern aus Furcht vor dem Stirnrunzeln des Chefs ( «der/die ist wohl doch nicht so ambitioniert...»). Gleichzeitig sind sie blank entsetzt, wenn Kollegin X auf drei Wochen River Rafting besteht. Und termingerecht abreist.»

Ich gerate in Fahrt. «Dabei würde es die Arbeitsmenge zulassen. Aber – überlegt sich ein  fiktiver CEO –  was ist, wenn nachher ein ehrgeiziger Neuling auf meinem Stuhl sitzt? Derweil ich mit Nachdenken beginne: welche Bücher lesen, welche Ausflüge unternehmen, welche Leute sehen? Am Strand sollte ich mich mit den Kindern beschäftigen (die mir fremd geworden und inzwischen Jugendliche sind). Abends, bei Kerzenlicht, verlangt die Partnerin eine Aussprache über die Aufteilung Arbeit-Haushalt.»

Mit ironischem Unterton: «Machtverlust in der Firma, Leere vor Ort und obendrein Beziehungsknatsch – dann lieber im klimatisierten Büro ausharren, als Held der Arbeit. Merken Sie, wie gefährlich sich das anhört?»

Jetzt ist es still. Frank kommt von der Qualmpause zurück, sieht mich in angeregtem Gespräch, checkt die Anzeigetafel und begibt sich an die Kaffeebar.

Der Typ setzt nochmals an. «Verordnetes Wegfahren ist in Zeiten der 24-Stunden-Produktion passé! Ich kann die Leute doch nicht zu ihrem Glück zwingen!» «Ja», wende ich ein. «Aber einige trauern trotzdem den Betriebsferien nach. Das sind nicht Ewiggestrige, sondern solche, welche drei Wochen am Stück hatten, abgestimmt auf den Urlaub der Familie. Der Aufbruchstimmung vorher und dem gemeinsame Wiedereinsteigen viel abgewinnen konnten. Und vielleicht von andern Vergünstigungen profitierten (ab 50. Lebensjahr 5 Wochen Ferien oder wöchentliche Stundenreduktion)»

«Dazu Freitage für Jugendliche bis zum 20. Altersjahr, wenn sie an gemeinnützigen Aktivitäten teilnehmen. Sie sind eine Träumerin!» gibt der Herr zurück.

Er nimmt den Strohhut ab, wischt sich den Schweiss von der Stirn. «Aber mal ehrlich, junge Frau, Urlaub heisst Packstress, genervte Eltern, quengelnde Kids. Nachher ein voller Briefkasten, ausgetrocknete Pflanzen, all die Fotos zum Einordnen – was soll daran attraktiv sein? Warum vier Wochen wegfahren? Es gibt doch Kurzsabbatical (7 Tage, 5000 Euro, in der Toskana, sogar als Last Minute-Angebot) oder verlängerte Wochenenden, ja den Sekunden- oder Minuten-Schlaf im Büro?!»

«Weshalb sind Sie eigentlich hier?» entschlüpft es mir. «Das frag ich mich auch», sagt die Reisebekanntschaft, steht auf, flucht etwas über die Edelweiss Air-Line (oder meinte er die Crossair?) und trollt sich von dannen.

«Ist doch sympathisch, wenn die Technik unverhofft zu interessanten Begegnungen führt», meint mein Mann, als ich an der Theke auftauche («Espresso, doppelt, schwarz!»). «Dennoch: Die professionelle Offenheit für alles und jeden könntest du zu Hause lassen.» Recht hat er! Aber zuerst hebe ich ab, der last call läuft bereits...

Karin Ammann, lic.phil/Arbeitspsychologin