Eben angekommen: Drei Briefwechsel

 

Ein Münchner in Zürich: Nice to be here

 

Geschätzte Bea

 

Deutschland - Schweiz: Wer ist die Katz, wer die Maus? Wer kuscht, huscht ins Loch, ward nicht mehr gesehen. Wer piepst, wer faucht? Bis irgendwann die Eurofalle zuschnappt ...

 

Gedankenblitz, kurz bevor der Zug einfährt. Sind Deutsche und Schweizer grundverschieden, ein bisschen anders oder weniger unterschiedlich als man gemeinhin meint? Die philosophischen Ansätze verlieren sich in der Einstiegshektik. Diese scheint international. Der IC setzt sich in Bewegung. Die Suche nach einer Antwort rückt weit weg. Die Dämmerung bringt sie zurück ("Eindunkeln" sagt hier keiner).

 

Die Schweiz zählt trotz der steuerpolitischen Entspannung nicht zu den Lieblingsnationen der Deutschen. Gleichwohl reisen Zuger, Walliser und Berner wiederkehrend zu den Christkindlmärkten in Stuttgart, Nürnberg, Dresden. Schwärmen von der Romantischen Strasse, dem Eisbär Flocke oder Sylt. Umgekehrt pilgern Hamburger wie Ostfriesen nach Ascona, an den Lac Leman oder aufs Jungfraujoch.

 

Schweizer mögen Touristen, Durchreisende, Transitgäste. Rein, raus, dazwischen Konsum. Ja nicht zu nahe rücken! Vielleicht weil die Alpen so nahe liegen und das Mittelmeer so fern? Weitere Erklärung: Weil es Deutsch und doch nicht Deutsch ist, was man hört.

 

Eine "Stange" bedeutet in helvetischen Landen nichts Anrüchiges, sondern die Bezeichnung für 0,3 manchmal auch 0,2 dl Gerstensaft im Glas. Sitten und Gebräuche irritieren ebenfalls. Weshalb wird in Zürich mitten im Frühling ein Schneemann hingerichtet? (traditionelles Fest, das Sechselüte). Warum nur rennen Schweizer andauernd zur Post? ("Goge poste" steht für einkaufen). Was tun sie mit Singvögeln in der Wohnung? (Sie schlüpfen in "Finken", gleich Pantoffeln). Was meinen sie mit "Ausgang" wenn Kino, Pizza, Disco warten? Keinen Kerker und wahrscheinlich auch keine Ausschaffungshaft? Umgekehrt begreift kein Einheimischer, weshalb sich ein Deutscher kaputt lacht, weil er an der Kasse gefragt wird, ob er einen Sack möchte.

 

Demgegenüber schätzen Cineasten Filme mit Pausen, Untertiteln statt Synchronisation sowie Einlass nach Beginn der Vorstellung. Die Idylle endet allerdings abrupt: mittels Abgang durch den Notaustritt. Kaum setzt der Abspann ein, knallen die Flügeltüren auf, weisen dem verdutzten Publikum den Weg in den düsteren Hinterhof. Schneller wird man nirgendwo aus dem Paradies spediert - in deutschen wie in schweizer Landen.

Der Ärger verfliegt beim Geldautomaten um die Ecke. Die zugeteilten Codes für Bankkarten sind variierbar, die meisten Exemplare führen Fremdwährungen, bei Ein- und Auszahlungen spuckt der Computer eine Quittung aus. Ähnlich praktisch wie der Griff zum Handy, dieser ge- schieht auf Wunsch PIN-frei.

 

Nein, die Einheimischen sind keine Freigänger, Tierquäler oder Kostverächter. Alles ist real, der Dialekt selten ein Buch mit sieben Siegeln und Jodeln fern jeder Volkskunst. Selbst bei Schokolade naschen die Schweizer ab zu "fremd" (Leibnitz, Milka, Ritter Sport). Dabei übergehen sie tunlichst, dass die Belgier in der Pralinenherstellung längst vorne mitmischen.

 

Ach ja: Die Zeitungen in den Boxen kriegt man wirklich gratis --> zumindest "Via" (das Pendant zu "bahn mobil"), die Pendlerausgaben von "20 Minuten" und "Blick am Abend". Einen Autopneu kann man aufpumpen, zu Beginn der Wintersaison nennt er sich er "Autoreifen", das "Chassis" mutiert zum "Fahrgestell" und das "Velo" zum Fahrrad. Nicht dass sich der Gegenstand ändert, jedoch die Marketingstrategie: Werbung will verstanden werden.

 

Hoffnungsvoller Ausblick: Seit dem 12. Dezember 2010 verkehren moderne Wagen auf der Strecke von München nach Zürich. Die Bundesbahnen haben Steckdosen installiert, das Plumpsklo ins Eisenbahnmuseum verbannt und die Holpersitze in die Zentralver-waltung. Also: Besuchen Sie uns mal wieder! Wer Ausländer ist und wer Insider, entscheidet ohnehin nicht der Pass.

 

Harald Habicht, Kommunikationsbeauftragter bei der Umweltdirektion, leidenschaftlicher Bahnfahrer und Wahlzürcher

 

 

Eine Zürcherin im Aufbruch: Woaßt scho...

 

Hallo Harald

 

Deinen Schlusssatz vor Augen streife ich ein letztes Mal durch die Stadt. Im Januar verlasse ich die Bankenmetropole, kehre Milch und Honig den Rücken, tausche die Limmat gegen die Isar ein, der Liebe wegen!

Bei den bisherigen Stippvisiten traf ich auf Neues, Spannendes, aber auch Obskures. München zeigt sich zugänglich, freundlich, nahezu entzückt. "Charmant" sei er, mein Dialekt. Höre ich bei der ersten Begegnung. "Ah, eine Schweizerin ...", entfährt es der Bedienung in der Bäckerei, wenn ich vom Einkaufzettel ablese "Graubrot", "Amerikaner", "Baiser".

 

Zuweilen bin ich überzeugt, den richtigen Ausdruck zu wählen. Und staune, welche Heiterkeit "parkieren", "grillieren" oder ein "Einge-klemmtes" auslösen. Bei Letzterem handelt es sich um ist gutes Deutsch - anschaulicher beschrieben als das (ursprünglich einseitig belegte) "Sandwich".

 

Wenn ich erzähle, dass ich gen Norden zügle, nickt man verständnisvoll. Wohl ein Pferd gekauft, ohne Zaumzeug. Dabei bedeutet "zügeln" schlicht "umziehen". Die Möbel, nicht mich. Hierfür gibt es Unmengen zu erledigen (Pendenzen!). Alles will versorgt ("aufgeräumt") sein, die Fritz!Box installiert (Produktename für das Modem), "Gestelle", pardon "Regale", montiert, die Wiesn bestaunt (Singular!), Brezn gekostet, die Flasche entkorkt (nichts mit "Zapfenziehn") und die Niedertarifzeit für den Strom erkundet (um festzustellen, dass es eine solche gar nicht gibt ...). Das bringt mich ab und zu ins "Studieren", sprich "Nachdenken" - offiziell noch kein Hochschullehrgang.

 

Unsere Mundart ist übrigens keine Halskrankheit, deren Behandlung die Kasse zahlt. Die "ch's" stehen für Solidität und Effizienz. In lediglich zwei Zeitformen erklären wir die Welt, vom Perfekt bis zur totalen Präsenz. Dass Finanzinstitute sich zuweilen nicht an die Vergangenheit erinnern, liegt an einer - sich dem Vernehmen nach auch in Germanien einschleichenden - grammatikalischen Besonderheit: dem fehlenden Präteritum (wobei die Deutschen drauf und dran sind, es den Schweizern nachzumachen). Und da man sich die Zukunft eh selber schafft, ziehen wir für die Formulierung keine Hilfsverben heran. Wir gehen einfach morgen, übermorgen oder in einer Woche wohin.

 

Im schlimmsten Fall will der Zollbeamte die Papiere sehen. Der Verweis auf das Schengen-Abkommen schlägt fehl: "Man sagt 'Durchführungs-übereinkommen DÜ' und Sie sind unsere Stichprobe. Punkt". "Wenn Ihre Papiere so löchrig sind wie euer Emmentaler, dann pfüati."

 

Bea Bürli, Pressesprecherin eines Sportartikelherstellers. Aktuell befindet sich die passionierte Joggerin auf dem Sprung von der Freizeit- zur Totalmünchnerin.

 

Ein Basler weit ab von Minga

 

Hör mal, Bea

 

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne (Hesse) - und jedem Neustart folgt die Ernüchterung. Lern erst mal gscheit kochen, ohne Kandis und Karamel zu verwechseln, mit Kartoffelsieb, Milchschäumer und Eierköpfer. Dazu Remoulade, Tomatenwürze und als Krönung ein "Ausgezogener" (nichts Unanständiges sondern ein platt gewalzter Berliner, hier "Krapfen" genannt). Bitte frag im Café gleich nach "Bananensplit" oder "Coupe Dänemark". "Es Chugeli Glacé" versteht niemand. Und da die Getränke meist ordentlich gekühlt sind, erübrigt es sich, Eiswürfel zu bestellen.

 

Apropos interkultureller Austausch: Falls dir jemand ein "Reiberdatschi" anbietet, brauchst du nicht in Deckung zu gehen. Es tönt zwar wie "Watschen", ist indes nur ein harmloser Kartoffelpuffer, serviert mit Apfelmus. Zum Käse: Dieser ist häufig holländisch, gummig und aussen hingeklatscht. "Käsebreze" zum Beispiel wird überbacken. Wer eine leckere Füllung oder dazwischen gesteckte Scheiben erwartet, wird enttäuscht. "Guss statt Füllung" lautet die Devise!

 

Tücken des Alltags! Man gewöhnt sich daran, ebenso wie an den Umstand, dass unsere "Brunsli" mit einem schmutzigen Gebäck gleichgesetzt, Cocifrösche importiert werden und Appenzeller Biber nichts für Vegetarier sind. Erst recht nicht, wenn anschliessend die Abwaschmaschine angeworfen werden soll (was keiner tut, weil er nur auf "Geschirrspüler" hört), sich jeder mit dem unsäglich schweren WC-Deckel abmüht (leichte Modell gelten als suspekt) bzw. den Tumbler im Trockner sucht. Mehr durch Zufall findet er das Lavabo (= Wasch-becken), stolpert über einen Stapel Einwurfwerbung im Flur und kehrt mit einem Passevit namens "Flotte Lotte" zurück.

 

Unkompliziert sind dafür die Verwaltungsabläufe: Anmelden geht per Online-Formular, und wer seine Hausfassade vorschriftsgemäss verändert, muss lediglich für die Vorderseite eine Bewilligung einholen. Das ist dort, wo der Türknauf montiert ist, ebenso wie an der Wohnungstür. Der Vorteil: rasches Absperren, zu ist zu. Das mühsame Schlüssel-Hervorklauben beim Spurt auf die U-Bahn entfällt. Der Nachteil: Gefahr des sich Aussperrens - Nicht nur beim Zeitung holen oder Hund ausführen, nein selbst bei so Banalem wie Müll entsorgen. Wehe du vergisst deinen Schlüsselbund! Verzweifelt irrst du in der Unterwelt herum. Niemand hört/sieht dich, um dich herum klappern die Kunststofftonnen und du stellst dich geistig auf das Übernachten im stickigen Keller ein (von wegen Luftschutz ...). Am nächsten Tag befreit dich der Hauswart und du riechst so, wie wenn dich der Jauche-wagen übersehen hätte bzw. du das Schild "Achtung odeln". Das Echo vom Silberwald besorgst du dir anschliessend gleich selbst ...

 

Alternative: du verkriechst dich in einem der Baumärkte, der Spiel-wiese für den modernen Mann. Selbst Dustin Hofmann gerät ange-sichts von Schlagbohrern, Metallschienen und Holzlack in helle Aufregung. Mich treiben bereits die Sprachbarrieren zum Wahnsinn. Handelt es sich bei der "Tülle" um etwas Drehbares, rührt der "Zollstab" von der Grenzwacht? Was bitte ist ein "Rollmass"? Worauf zielt der diskret abgesonderte Grasduft? Bestimmt nicht auf Frauen. Letztere greifen eher bei betörendem Vanillearoma zu!

 

Von wegen "multikulti", "international" und "flexibel": Wo bleibt die passende Tastatur? Dem Romand fehlen die Akzentzeichen, der Rheinländer jault bei ausbleibendem scharfem ß und die Russen blockieren mit ihren Übersetzungstabellen jeden Mailcorner. Nach diesem Frust muss ich unbedingt zu Karstadt ("Carglass" dient für einmal nicht) und mir einen grossen Bauer holen (Joghurtmarke). An der Kasse wartet der nächste Schreck: Wird einem doch glatt die Kreditkarte aus der Hand gerissen. Kannst froh sein, wenn du vor Schreck nicht den Parkschein verschluckst: Das blockierte Auto auslö-sen kostet 15 Euro extra.

 

Ja mei, einzelne Klippen sind unvermeidbar. Etwa das diversifizierte PET-Recyclingsystem (mit/ohne Pfand, Rückgabe am Verkaufsort oder flotter Wurf in den Container). Keiner weiss was ein "Harass" ist, die Superschlauen tippen auf eine Getränkekiste und die noch Schlaueren schicken dich nach Sendling, an die Kreuzung von Plinganser- und Albert-Rosshaupter-Strasse. Bevor ich mich auf die Reise mache, erläutere mir einer den Ausdruck "Kulturbeutel". Wo das Ganze rein gar nichts mit Lesen, Schreiben oder Literaturwettbewerben zu tun hat ... Miau, wow!

 

Sigi Sarasin, freischaffender Weltenbürger. Der Beau vivant residiert in Cannes, Berlin sowie gelegentlich auf der Insel Föhr.